Ottl ist tot

Ein Fisch als Freund

Es klingt ein wenig seltsam, aber man kann einen Fisch zum Freund haben. Ob ein Fisch das auch so empfinden kann, sei dahingestellt.

Welse sind Raubfische, nachtaktiv und sehr kluge Tiere. Wegen ihrer Größe und ihrer, im Erwachsenenalter durchaus unheimlichen, Gestalt dichtet man ihnen allerhand Geschichten an. Von Monstern in der Tiefe, die Dackel verschlingen und Mädchen in Badeseen anfallen ist regelmäßig in der Boulevardpresse zu lesen. Tatsächlich hat man, historisch belegt, auch menschliche Überreste in Welsmägen gefunden. Dies hängt aber ausschließlich damit zusammen, dass Welse auch totes Fleisch fressen. Mit ihren stummeligen Zähnen, die eher wie eine Feile als eine gefährliche Waffe aussehen, sind sie gar nicht in der Lage, Fleischteile aus einem Körper herauszureißen.

Kleine Welse sind sogar ausnehmend süß. Und ein solcher kleiner Wels war auch Ottl einmal, als er mit vielen anderen Winzlingen in den frühen 70er Jahren von einer Zucht in Ungarn geholt wurde.

Jungwels aus Hornegger Teichen
Jungwels aus Hornegger Teichen

In der Wachstumsphase vertilgen Raubfische bis zum Zehnfachen dessen, was sie dabei zunehmen. Später, wenn sie ausgewachsen sind oder nur noch langsam wachsen, brauchen sie eigentlich im Verhältnis weniger Nahrung.  Bei uns Menschen ist das eigentlich ähnlich. Bloß mit der Hübschheit eines Welses verhält es sich genau umgekehrt wie bei menschlichen Wesen, was vor allem mit dem Wachstum des Kopfes zusammenhängt. Während Menschen mit einem viel zu großen Kopf geboren werden, gehen Welse mit einem viel zu großen und daher eher hässlichen Kopf in die ewigen Jagdgründe ein. Von dieser Altershässlichkeit rühren wohl auch all die Monstergeschichten, die Welsen nachgesagt werden, her.

Fischereimeister Heinrich Holler hatte die wohl einmalige Gelegenheit, einen Fisch, der seinem eigenen Geburtsjahrgang entstammt, beobachtend zu begleiten und hat sich irgendwie familiär an das Tier gewöhnt. Es wäre eine flippermäßige TV-Verkitschung eine, Männerfreundschaft zwischen Fisch und Züchter heraufzubeschwören. Ganz unbedeutsam ist es aber nicht, wenn man im Alter von vielleicht zehn Jahren von der Existenz eines Fsiches, der gleich alt ist, wie man selbst, Notiz nimmt und die Entwicklung dieses Lebewesens über 33 Jahre lang begleitet.

Heinrich Holler und sein Teichpatron: der Riesenwels Ottl
Heinrich Holler und sein Teichpatron: der Riesenwels Ottl

Irgendwann in den ersten Wachstumsjahren sah man, dass einer von den vielen Jungwelsen aus Ungarn deutlich großer war als die anderen. Dieser Fisch hat wohl eher das Fünfzehnfache seines Körpergewichtes statt, wie sonst üblich, das Zehnfache davon verschlungen. Ottl unterschied sich also von den anderen nur durch seine Größe. Dieses Merkmal machte ihn aber deutlich erkennbar und so kam es, dass er als einziger einen Namen erhielt.

„Es war schon als Bub lustig für mich, mit dem Fisch anzugeben. Denn wer hatte schon einen Wels zu Hause und dann noch dazu einen solchen?“

Zweimal im Jahr hatte Heinrich Holler Gelegenheit, seinen Ottl zu sehen. Im Frühjahr beim Besetzen der Teiche und beim großen Abfischen im Herbst. Jedes Jahr war die Aufregung groß. Ottl war immer der Letzte, der den Teich verließ und über viele Jahre war das Einfangen von Ottl nicht unproblematisch. Der Wels war ein sehr kulges Kerlchen geworden und versuchte, sich bis zuletzt gegen den Fang zu wehren.

Es ist nicht leicht, eine Lebewesen, das zumindest gleich schwer ist, wie man selbst, ins Netz zu bringen. Da hatte der Fischereimeister so manchen Kampf zu kämpfen. Das Erstaunliche war aber, dass sich der Wels mit der Zeit daran gewöhnte und ruhiger wurde. Das war auch gut so. Denn als Ottl die 80 kg-Marke überschritten hatte, wurde es notwendig, ein eigenes, bahrenartiges Netz zu bauen, um ihn fangen und über Land transportiern zu können.

Ottl verbrachte den Winter immer in einem der kleinen Hälterteiche und sein Sommerquartier war stets der große Spiegelteich gewesen. Der Riesenwels wurde also zweimal im Jahr transportiert und einer dieser Transporte sollte ihm schließlich zum Verhängnis werden. Bei seinem letzten Transport ins Winterquartier wurde Ottl lebensgefährlich verletzt. Alle Bemühungen des Tierarztes konnten den Fisch nicht retten, sodass er im Frühling darauf verstarb.

43 Jahre lang hat der Riesenwels in Hornegg gelebt. Er war gleich alt wie sein Besitzer, und beide Herren hatten sich respektvoll aneinander gewöhnt. Und wenn es heuer im Herbst wieder ans Fischen geht ist eines klar: Ottl fehlt.

Zum Schluss die gute Nachricht nochmal. Das ist Konstantin, der Sohn des Fischereimeisters mit seinem eigenen Riesenwels, der von seinem Fanclub bereits einen Namen bekommen hat:

Ottl 2.0